Monika Maron „Flugasche“

Monika Maron – “Flugasche”

Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt am Main
Taschenbuch: 244 Seiten
Auflage: 69.-83. (1. April 1991)
Erstauflage: 1981
ISBN-10: 359623784X
ISBN-13: 978-3596237845


Eine Journalistin gegen die Partei

Inhalt: Die Journalisten Josefa Nadler wird in die Stadt B. geschickt, um einen Artikel über das dortige Kohlekraftwerk zu schreiben. Dort angekommen, findet sie sich in einer Stadt und unter Menschen wieder, die vom Staat vergessen wurden. Alles und jeder in B. werden durch das alte Kraftwerk regelrecht vergiftet – 180 Tonnen Flugasche werden jeden Tag in die Umwelt „gespuckt“ – doch es scheint einfach niemanden zu stören. Das alte Kraftwerk soll erhalten bleiben und weiterlaufen, obwohl gerade ein neues erbaut wurde. Die Politiker kümmern sich nicht drum, wie es den Menschen damit geht. Und die Anwohner haben sich in ihr Schicksal ergeben. Aus einer ironischen Laune heraus, haben sie jedoch eine Vorliebe für weiße Hemden entwickelt.

Verstört und in ihrem Gerechtigkeitsempfinden angegriffen, schreibt Josefa eine Reportage über B., die nicht einfach verklärt, so wie es das Regime von ihr erwarten  würde, sondern die aufrütteln soll. Sie will den Menschen der Republik klar machen, dass dort etwas Ungerechtes vor sich geht, eine Wahrheit, gegen die etwas getan werden kann und muss. Doch ihre Reportage soll nie veröffentlicht werden. Vielmehr gerät sie durch diesen Artikel zwischen die Räder der DDR-Politik. Ihrem Vorgesetzten, dem sie schon lange ein Dorn im Auge war, gibt sie damit nur das passende Futter, sie an die Partei zu verraten und so unter Druck zu setzen. Doch Josefa will kämpfen, für die Wahrheit, für Gerechtigkeit…

Verleumdung und Selbstfindung

„Flugasche“ beschreibt den Weg einer jungen Frau, Mutter und Journalistin durch die Abgründe der DDR-Politik, -Philosophie und durch den Alltag des Jahres 1981. Genötigt von allen Seiten will Sie nur ihren Beruf und das, was sie als ihre Aufgabe ansieht ausüben – und zwar gewissenhaft und im Sinne derer, für die ein Journalist eigentlich arbeiten sollte: die Menschen, die Bürger von B., die Bevölkerung der DDR. Doch statt ihrer Arbeit nachgehen zu können, wird sie gemaßregelt, verurteilt, als verrückt und gar  als „Parteifeind“ abgestempelt.

Über all diese Verurteilungen beginnt Josefa an sich selbst, ihrer Arbeit, ihrem Leben zu zweifeln. Sie sucht Halt bei ihrem Freund Christian, der sie zuerst bestärkte einen „wahren“ Artikel zu schreiben. Im Nachhinein fühlt er sich jedoch mit dieser neuen Seite an Josefa, mit ihrer Hilflosigkeit, völlig überfordert. Er (er)kennt sie nicht mehr und findet seine Liebe zu ihr nicht wieder.

Josefa versucht ihre Gedanken, die unaufhörlich nach Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit schreien, zu betäuben. Wie kann sie leben in dieser grauen Welt der Maßregelungen, der Partei, des falschen Sozialismus? Krampfhaft versucht sie ihre Gedanken und Gefühle zu unterdrücken, indem sie sich anpasst. Doch selbst dann lassen die Partei, die Maßregelungen und Verurteilung sie nicht los. Sie wird immer weiter in die Enge gedrängt.

Wohnt Josefa auch nicht in B. und muss sie auch nicht die von Asche tonnenschwere Luft einatmen, droht sie doch gleichsam zu ersticken – am System. Sie droht unterzugehen, in  den Gedanken an Freiheit, in Gedanken, die sich mit unerklärter Wut füllen. Bei all ihrer Hilflosigkeit gegenüber dem System und dem sinnlosen Festklammern an Christian, beginnt sie sich selbst zu verleumden und langsam zu verlieren. Doch als sie ihrer Arbeti beraubt wird und Christian sie zurückstößt und letztendlich verlässt, erwacht ihr Lebenswille neu. Sie wird sich ihrer selbst, ihren Gedanken und ihrem Selbstbewusstsein wieder klar. Sie will sich nicht mehr verstellen, und sie will auch nicht mehr gegen ein System ankämpfen, dass einem von Anfang an nie eine Chance gegeben hat. Ein System dass keine Ehrlichkeit von seinen Journalisten erwartet, sondern Loyalität. Josefa folgt ihrem Freiheitsdrang, obwohl dies bedeutet, ihr Leben zu verlassen.

Die Autorin stellt das System in all seiner Zerstörungskraft dar, bleibt dabei aber ganz klar und deutlich, bleibt neutral, objektiv und nüchtern – wodurch alles nur noch unendlich grausamer wirkt. Alle Wut, alles Unverständnis und jegliche Anklage überlässt sie einzig Josefa. Der Leser folgt in „Flugasche“ Josefas Kampf um Gerechtigkeit und Freiheit – um am Ende zu sehen, dass Josefa zwar ein Stück ihrer Freiheit erlangt, doch zu welchem Preis? Zwischen all der Kritik und dem harten Leben in der DDR zeigt Monika Maron  ganz leise und zwischen den Zeilen (kleine) Wahrheiten auf, die so wahr sind, dass sie unergründlich und grausam, ja fast unwirklich wirken – weiß der Leser doch, dass sie wahr sind.


Lieblingsstelle:

»„Manchmal fühle ich mich um mein Leben betrogen“, sage ich.
Luise sieht auf, mit leichter Abwehr in den Augen. „Nun übertreib mal nicht.“
„Ich übertreibe nicht. Ich werde um mich selbst betrogen. Ich rede gar nicht davon, daß ich im Zeitalter der Weltraumforschung sterben werde, ohne auf dem Montmarte spazierengegangen zu sein, ohne zu wissen, wie es in einer Wüste riecht oder wie eine frische Auster schmeckt. Darüber kann ich mich trösten. In ihren Postkutschen sind unsere Vorfahren auch nicht allzu weit gekommen und haben trotzdem etwas begriffen von ihrer Welt. Der größere Betrug ist: Sie betrügen mich um mich, um meine Eigenschaften. Alles, was ich bin, darf ich nicht sein. Vor jedes meiner Attribute setzen sie ein ›zu‹: du bist zu spontan, zu naiv, zu ehrlich, zu schnell im Urteil … Sie fordern mein Verständnis, wo ich nicht verstehen kann; meine Einsicht, wo ich nicht einsehen will; meine Geduld, wo ich vor Ungeduld zittere. Ich darf nicht entscheiden, wenn ich entscheiden muß. Ich soll mir abgewöhnen, ich zu sein. Warum können sie mich nicht gebrauchen, wie ich bin? Manchmal denke ich, vielleicht wäre ich in anderen Zeiten nützlicher gewesen, als Ordnung, Disziplin und Treue nicht als die obersten Gebote galten. Luise, ein Auto, das man hundert Kilometer mit angezogener Handbremse fährt, geht kaputt. Und ein Mensch, glaubst du, der bleibt heil? Der geht auch kaputt. Er bleibt nicht stehen, fällt nicht um, aber er wird immer schwächer, bringt nichts mehr zustande. Seine wichtigste Beschäftigung wird die Kontrolle über sich selbst, das Verleugnen seiner Mentalität, seiner Gefühle. Er reibt sich auf in dem Kampf gegen sich selbst, stutzt seine Gedanken, ehe er sie denkt, verwirft die Worte, bevor er sie gesprochen hat, mißtraut seinen eignen Urteilen, schämt sich seiner Besonderheiten, verbietet sich seine Gefühle; und wenn sie sich nicht verbieten lassen, verschweigt er sie. Schlimmer noch: Allmählich beginnt er unter der künstlichen Armut seiner Persönlichkeit zu leiden und erfindet sich neue Eigenschaften, die ihm Lob und Anerkennung einbringen. Er wird vernünftig, bedächtig, ordentlich, geschäftig. Anfangs zuckt sein mißhandelter Charakter noch unter den Zwängen, aber langsam stirbt er ab, wagt sich nur noch in den Träumen hervor. Aber am Tag trägt unser armer gebremster Mensch einen Einheitscharakter, ein schön gemäßigtes, einsichtiges Wesen, bis er eines Tages seine ursprüngliche Art vergessen hat oder schreit vor Schmerz oder stirbt.
Noch vierzig oder fünfzig solcher Jahre, Luise, und die Menschen langweilen sich an sich selbst zu Tode. Dann sind die letzten Aufsässigen ausgestorben, und niemand wird die Kinder mehr ermutigen, mit der Welt zu spielen. [...]“«

(Seite 78f.)

>>> Zurück zu “Das Buch, The Book, Le Livre, Det Bog, 책 [chaek]…”

Kommentar verfassen

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.