Pascal Mercier „Nachtzug nach Lissabon“

Nachtzug nach Lissabon_Pascal Mercier

Pascal Mercier “Nachtzug nach Lissabon”

Carl Hanser Verlag 2004
Fester Einband, 496 Seiten
24.90 € (D) / 44.50 sFR (CH)
ISBN 978-3-446-20555-0

Einmal ausbrechen…

Raimund „Mundus“ Gregorius ist ein kauziger Altphilologe, der von seinen Schülern schon seit 30 Jahren gleichermaßen bewundert wie milde belächelt und von seinen Kollegen nur noch „Papyrus“ genannt wird. Die flüchtige Begegnung mit einer jungen Portugiesin im Regen und der Klang des Wortes ‚Portugès‘ aus ihrem Mund sollen sein Leben verändern.

Plötzlich verlässt er mitten im Unterricht die Schule und begibt sich auf eine abenteuerliche Reise durch die Orte seines alltäglichen Geschehens in seiner Heimatstadt. Eine Reise durch die letzten Jahre seines Lebens und ein Stolpern in eine neue Welt, in Form des Buches … von Amadeu Prado. Hier beginnt für ihn und den Leser im „Nachtzug nach Lissabon“ eine abenteuerliche Suche nach der Vergangenheit des Arztes, der so verletzlich, so stark, so gefangen in seinem Leben und so hungrig nach allem Neuen war, dass Mundus fasziniert durch die Straßen Lissabons und Prados Leben wandert.

Mit einem lauten Sprung und vielen kleinen leisen Schritten führt uns Pascal Mercier nicht nur durch die Suche nach dem Leben von Amadeu Prado, sondern gleichzeitig auf eine Reise von Gregorius Denken, dass sich im Laufe seines Abenteuers mehr als einmal ändern wird. Von dem sanften Innenblick, der warmen Atmosphäre Portugals und der Faszination des ‚Einfach-Ausbrechen‘, lässt sich der Leser gern anstecken. Wie viele wollen wohl während des Lesens ihr Leben ändern?

>>> Die schönsten Textstellen:

Seite 166

Es sind keine Texte, Gregorius. Was die Leute sagen, sind keine Texte. Sie reden einfach. Es war lange her, dass Doxiades das zu ihm gesagt hatte. Es sei oft so unzusammenhängend und widersprüchlich, was die Leute sagen, hatte er ihm geklagt, und sie vergäßen das Gesagte so schnell. Der Grieche fand es rührend. Wenn man, wie er, Taxifahrer gewesen sei, in Griechenland und dazu noch in Thessaloniki, dann wisse man – und man wisse es so sicher wie nur wenige Dinge -, dass man die Leute auf das, was sie sagten, nicht festlegen könne. Oft redeten sie nur, um zu reden. Und nicht nur im Taxi. Sie beim Wort nehmen zu wollen – das sei etwas, was nur einem Philologen einfallen könnte, namentlich einem Altphilologen, der den ganzen Tag mit unverrückbaren Worten zu tun habe, mit Texten eben, und noch solchen, zu denen es Tausende von Kommentaren gebe.“

Seite 186

„Er konnte gnadenlos sein, wenn er Eitelkeit vor sich hatte. Gnadenlos. Das Messer ging ihm in der Tasche auf. Sie ist eine verkannte Form von Dummheit, pflegte er zu sagen, man muss die kosmische Bedeutungslosigkeit unseres gesamten Tuns vergessen, um eitel sein zu können, und das ist eine krasse Form von Dummheit.

Seite 262f.

Text von Amadeu Prado: „O BÁLSAMO DA DESILUSÃO. DER BALSAM DER ENTTÄUSCHUNG. Enttäuschung gilt als Übel. Ein unbedachtes Vorurteil. Wodurch, wenn nicht durch Enttäuschung, sollten wir entdecken, was wir erwartet und erhofft haben? Und worin, wenn nicht in dieser Entdeckung, sollte Selbsterkenntnis liegen? Wie also sollte einer ohne Enttäuschung Klarheit über sich selbst gewinnen können?

Wir sollten Enttäuschung nicht seufzend erleiden als etwas, ohne das unser Leben besser wäre. Wir sollten sie aufsuchen, ihnen nachspüren, sie sammeln. Warum bin ich enttäuscht, dass die angebeteten Schauspieler meiner Jugend jetzt alle Zeichen des Alters und Verfalls tragen? Was lehrt mich die Enttäuschung darüber, wie wenig Erfolg wert ist? Manch einer braucht ein Leben lang, um sich die Enttäuschung über seine Eltern einzugestehen. Was haben wir denn von ihnen eigentlich erwartet? Menschen, die ihr Leben unter der unbarmherzigen Herrschaft von Schmerzen leben müssen, sind oft darüber enttäuscht, wie sich die anderen verhalten, auch diejenigen, die bei ihnen ausharren und ihnen die Mittel einflößen. Es ist zu wenig, was sie tun und sagen, und auch zu wenig, was sie fühlen. »Was erwarten Sie denn?« frage ich. Sie können es nicht sagen und sind bestürzt darüber, dass sie jahrelang eine Erwartung mit sich herumgetragen haben, die enttäuscht werden konnte, ohne dass sie Näheres über sie wussten.

Einer, der wirklich wissen möchte, wer er ist, müsste ein ruheloser, fanatischer Sammler von Enttäuschungen sein, und das Aufsuchen enttäuschender Erfahrungen müsste ihm wie eine Sucht sein, die alles bestimmende Sucht seines Lebens, denn ihm stünde mit großer Klarheit vor Augen, dass sie nicht ein heißes zerstörerisches Gift ist, die Enttäuschung, sondern ein kühler, beruhigender Balsam, der uns die Augen öffnet über die wahren Konturen unserer selbst. [...]“

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1 Gedanke zu “Pascal Mercier „Nachtzug nach Lissabon“”

  1. Ja, ein wunderbares Buch! – Und doch: über lange Strecken nimmt es den Leser, wenn es DIE FRAGE entwickelt und verfolgt und man mit angehaltenem Atem weiter liest in der Erwartung auf der nächsten Seite stehe DIE ANTWORT. – Aber dann, unmerklich, mündet dieser Weg im ALLGEMEINEN LABYRINTH, in dem es nicht eine, sondern unendlich viele Fragen und überhaupt keine Antworten gibt …

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